Halle, Germany
November 6, 2004
Wissenschaftlern des
Leibniz-Institutes für Pflanzenbiochemie (IPB) in Halle ist
es gelungen, Gene für Enzyme aus Raps (Brassica napus) zu
isolieren, die für die Synthese von phenolischen Bitterstoffen
im Samen verantwortlich sind (The
Plant Journal 38: 80-92, 2004). Dadurch ist es möglich,
transgene Rapspflanzen herzustellen, deren Samen weniger oder
gar keine Bitterstoffe mehr enthalten. Aufgrund ihres hohen
Proteingehaltes könnten diese Samen künftig als
Nahrungsmittelzusatz verwendet werden. Die Arbeit der Hallenser
Wissenschaftler ist Teil des BMBF-geförderten Großprojektes "Napus
2000 - gesunde Lebensmittel aus transgener Rapssaat."
Raps ist eine Pflanze mit weit unterschätztem Potenzial. Bisher
diente sie als wichtiger Lieferant für Speise- und Industrieöle.
Zusätzlich enthalten die Samen jedoch auch jede Menge Protein,
das reich an seltenen Aminosäuren ist und in seiner Qualität dem
von Soja nicht nachsteht. Dieser Proteinanteil könnte in Zukunft
als Nahrungsmittelzusatz verwendet werden. Zur Zeit fristet der
reichhaltige Pressrückstand jedoch noch ein klägliches Dasein
als Abfallprodukt. Selbst Hühner vertragen den Eiweißzusatz nur
in Maßen. Fressen sie zuviel davon, bekommen sie
Verdauungsprobleme und ihre Eier riechen fischig (und schmecken
auch so). Der Grund sind die für Kreuzblütler typischen
phenolischen Bitterstoffe, die nicht nur im Samen, sondern in
der ganzen Pflanze vorkommen. Diese antinutritiven Substanzen
sorgen dafür, dass der Pressrückstand und auch das Mehl davon
bitter schmecken und sich durch Oxidation dunkel verfärben -
beides keine guten Voraussetzungen, um ihn weiter für die
menschliche Ernährung zu verarbeiten.
"Die Idee des Projektes besteht darin, in einem Modellversuch
transgene Pflanzen herzustellen, in deren Samen die Synthese der
Bitterstoffe reduziert bzw. blockiert wird", erklärt Carsten
Milkowski, Wissenschaftler am IPB. Welche Enzyme an der
Biosynthese dieser sogenannten Sinapine beteiligt sind, ist
schon seit 20 Jahren bekannt. Für eine gentechnische Veränderung
der Pflanzen mussten jedoch die für die Enzyme codierenden Gene
aus Raps isoliert werden. "Das gleicht mitunter einer Suche nach
der Stecknadel im Heuhaufen", sagt der promovierte Biologe. Denn
Pflanzen besitzen eine enorme Ausstattung an Genen. Viele dieser
Gene kommen in mehreren Kopien vor und codieren für ähnliche
Enzyme, andere wurden im Laufe der Evolution stillgelegt und
existieren nur noch als Pseudogene. Aus diesem Dschungel das
richtige Gen zu fischen ist deshalb oft extrem schwierig und
zeitaufwendig. "Gemeinsam mit drei weiteren Wissenschaftlern
haben wir zwei Jahre gebraucht, um die Gene der beiden
entscheidenden Syntheseenzyme zu isolieren und funktionell zu
charakterisieren."
"Die gentechnische Veränderung der Rapspflanzen (Transformation)
wird von unseren Partnern, dem Resistenzlabor der Deutschen
Saaten-Union und den Pflanzenzüchtern der Universität Göttingen
durchgeführt", erklärt Milkowski. Ersten Ergebnissen zufolge,
scheint der gewählte Versuchsansatz erfolgversprechend zu sein
und tatsächlich zu einer Reduktion der Bitterstoffe in den
transgenen Rapssamen zu führen. Trotzdem müssen natürlich auch
mögliche Einflüsse des Gentransfers auf allgemeine agronomische
Eigenschaften wie Blühdauer, Standfestigkeit und
Leistungsfähigkeit der transgenen Pflanzen überprüft werden.
Erst wenn sich hier keine nennenswerten negativen Auswirkungen
festmachen, dürfen sich die Pflanzen im Freiland bewähren. Neben
den üblichen ökologischen Verträglichkeitsstudien, gibt es auch
für die transgenen Pflanzen noch viele Fragen zu klären: Welche
Rolle das Sinapin für die Pflanze spielt, ist noch nicht
hinreichend geklärt. Ob die Pflanze also auch ohne Sinapin
klarkommt, ist demnach nicht bekannt. Dass Sinapin bitter
schmeckt, ist möglicherweise ein wirksamer Schutz vor
Fressfeinden - der dann nicht mehr gegeben wäre. Außerdem dienen
Folgeprodukte des Sinapins einem effektiven UV-Schutz der
Raps-Keimpflanzen. Diese möglichen Nachteile könnten von der
Pflanze kompensiert werden, indem sie die ausgeschalteten Enzyme
zu ersetzen versucht und andere Gene für ähnliche Enzyme
aktiviert.
Hintergrund
Transformation von Pflanzen
Die gängigste Methode, Pflanzen gentechnisch zu verändern ist
die Transformation mit Agrobakterien. Agrobacterium tumefaciens
ist ein natürlich vorkommendes Bodenbakterium, das bei
bestimmten Pflanzen tumorähnliche Wucherungen im
Übergangsbereich zwischen Wurzeln und Spross
(Wurzelhalsgallentumor) auslösen kann. Dabei zwingt das
Bakterium die Pflanze, spezielle Aminosäuren für die eigene
Ernährung zu produzieren, indem es Abschnitte seiner eigenen DNA
(mit den notwendigen Aminosäure - Synthesegenen) in die
Pflanzenzelle schleust. Wissenschaftler nutzen diesen Trick der
Natur für ihre Zwecke. Sie ersetzen die Tumorgene auf der
Bakterien-DNA durch jene Gene, die sie gerne in der Pflanze
hätten (z.B. für eine Herbizid- oder Insektenresistenz). Der
Transport der DNA in die Pflanzenzelle wird dann, wie gehabt,
den Agrobakterien überlassen.
Transformation von Raps
Konkret bei Raps werden mehrere tausend Keimlinge in kleine
Scheiben geschnitten und in einer Lösung mit Agrobakterien
getränkt. Der gewünschte Transfer und Einbau der Fremd-DNA in
das Pflanzenchromosom erfolgt nur zu einem äußerst geringen
Prozentsatz. Aus den transformierten Scheibchen kann man dann
durch Zugabe von bestimmten pflanzlichen Hormonen wieder ganze
Pflanzen heranziehen. Bis die ersten transgenen Rapspflänzchen
in die Erde kommen, vergehen etwa neun Monate. Auf diese Art und
Weise können fremde Gene (z.B. für eine Herbizd- oder
Insktenresistenz) in die Pflanzen eingeschleust werden. Ähnlich
funktioniert auch das Ausschalten bereits vorhandener
Pflanzengene.
NAPUS 2000
Napus 2000 ist ein Verbundprojekt mit bis zu 20 Partnern aus
Züchtung, Wissenschaft und Industrie. Es wird vom
Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert und von
der Norddeutschen Pflanzenzucht KG koordiniert. Hauptziel ist
eine bessere Nutzung der natürlichen Ressourcen von Raps. Neben
der Veränderung der Proteine soll z.B. auch die Ölfraktion des
Rapssamens durch Anreicherung mehrfach ungesättigter Fettsäuren
verbessert werden. Das Projekt beinhaltet zudem eine umfassende
Technikfolgenabschätzung und Ansätze zur Bewertung der Akzeptanz
von gentechnisch veränderten Pflanzen und deren Produkte in der
Bevölkerung. Sogar ein Wurstproduzent ist beteiligt, der
Rapsprotein (das gut quillt und nicht den Beigeschmack von Soja
hat) für knackige Würstchen verwenden will. |